Liberale versus Libertäre

Veröffentlicht am 24. Dezember 2025 um 20:51

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Über Freiheit, Staat und Verantwortung

Meine politische Haltung lässt sich am ehesten als libertär beschreiben. Nicht, weil ich einfache Antworten suche, sondern weil ich dem Individuum einen grundlegenden moralischen Vorrang gegenüber dem Staat zuschreibe. Für mich beginnt politische Ordnung nicht bei Institutionen, sondern beim Menschen selbst – bei seiner Fähigkeit zur Verantwortung, zur Entscheidung und zur freiwilligen Zusammenarbeit mit anderen.

Der Staat ist in dieser Perspektive kein Selbstzweck. Er ist ein menschliches Konstrukt, entstanden aus dem Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung. Gerade deshalb betrachte ich staatliche Macht mit Zurückhaltung. Geschichte und Erfahrung zeigen, dass Macht – auch gut gemeinte – dazu neigt, sich auszuweiten. Aus diesem Grund halte ich es für notwendig, staatliche Aufgaben klar zu begrenzen.

Im heutigen Sprachgebrauch wird „liberal“ häufig mit der Vorstellung verbunden, dass der Staat aktiv in gesellschaftliche Prozesse eingreifen kann, um Fairness, Gleichheit oder soziale Sicherheit herzustellen. Diese Sichtweise ist nachvollziehbar, setzt jedoch ein hohes Vertrauen in die Fähigkeit staatlicher Institutionen voraus, komplexe soziale Wirklichkeiten gerecht zu steuern. Dieses Vertrauen teile ich nur eingeschränkt.

Philosophisch wird dieser Unterschied für mich besonders deutlich im Spannungsfeld zwischen John Rawls und Robert Nozick. Während Rawls davon ausgeht, dass staatliche Eingriffe Ungleichheiten legitim korrigieren können, überzeugt mich Nozicks Argument, dass Menschen nicht Mittel zu fremden Zwecken sein dürfen. Die Früchte der eigenen Arbeit sind Ausdruck der eigenen Lebenszeit – und damit zutiefst persönlich.

Meine libertäre Haltung ist dabei weniger ideologisch als prinzipiell. Ich gehe davon aus, dass Freiheit nicht vom Staat verliehen wird, sondern ihm vorausgeht. Der Staat kann Freiheit schützen – aber er kann sie auch begrenzen. Deshalb sollte er sich aus meiner Sicht auf jene Aufgaben beschränken, die individuelle Freiheit überhaupt erst ermöglichen: den Schutz vor Gewalt, Betrug und Willkür sowie die Durchsetzung freiwillig eingegangener Vereinbarungen.

Diese Überlegungen haben auch eine ganz praktische Dimension. Wenn staatliche Institutionen für Bürger nur noch eingeschränkt erreichbar sind, wenn der Zugang zu öffentlichen Ämtern von formalen Hürden abhängt, verändert sich das Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Der Staat entfernt sich, wird abstrakt und schwer greifbar. Für mich gehört zu einer freien Ordnung, dass der Staat zugänglich bleibt – nicht als Autorität über den Bürger, sondern als Dienstleister für ihn.

Ich vertraue mehr auf freiwillige Ordnung als auf zentrale Steuerung. Menschen handeln nicht immer perfekt, aber sie lernen, korrigieren sich und übernehmen Verantwortung. Staatliche Systeme hingegen neigen dazu, Fehler zu verfestigen, weil sie durch Macht abgesichert sind. Freiheit bedeutet für mich daher auch, Fehler zulassen zu dürfen – und aus ihnen zu lernen.

Geprägt wurde diese Sichtweise durch Denker, die Freiheit nicht als politisches Versprechen, sondern als menschliches Grundprinzip verstanden haben: Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und Wilhelm von Humboldt. Sie alle eint die Überzeugung, dass gesellschaftliche Ordnung aus Freiheit wächst – nicht aus Zwang.

Libertär zu denken bedeutet für mich nicht, Verantwortung abzulehnen. Im Gegenteil: Verantwortung setzt Freiheit voraus. Solidarität, Moral und Gemeinsinn entfalten ihren Wert erst dann, wenn sie freiwillig entstehen. Eine Gesellschaft, die auf Zwang beruht, mag stabil wirken – aber sie verliert an moralischer Tiefe.

In diesem Sinne verstehe ich Freiheit nicht als Abwesenheit von Regeln, sondern als Raum für selbstverantwortliches Handeln. Der Staat hat darin seinen Platz – aber nicht die Hauptrolle.


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